Dirtmusic

Dirtmusic sind mit ihrem fünften Album zurück, einer Kollaboration mit dem türkischen Psych-Visionär Murat Ertel von Baba Zula. Das Album, aufgenommen in Istanbul, navigiert zwischen hypnotischen Rhythmen, filmischen Atmosphären und düsteren politischen Realitäten.

‚ Wir brauchen Musik wie diese um bei Verstand zu bleiben.’ Murat Ertel

Murat Ertel steht in der Tür seines Heimstudios, einer umgebauten Werkstatt in einem Vorort von Istanbul. Die türkische Hauptstadt ist zurzeit ein Ort der Anspannung, aber der Baba Zula-Frontmann ist in Bestform. Vor ihm stehen die musikalischen Nomaden Chris eckman und Hugo Race, die Gitarren in der Hand. Dirtmusic sind dabei, in ihre neuste, womöglich spannendste Form zu finden.

Aber spulen wir ein bisschen zurück, denn die Geschichte von Dirtmusic ist eure Zeit wirklich wert.
Ursprünglich ein direktes, hauptsächlich akustisches Trio, das Blues und Country ins 21. Jahrhundert brachte, machte die Band ihren ersten „glücklichen Unfall“ als sie 2008 beim Festival au Désert in Timbuktu auf Tamikrest trafen. Eine musikalische Liebesgeschichte begann, zu hören auf den Alben BKO (2010), Troubles (2013) und Lion City (2014), an dem auch Ben Zabo, Samba Touré und weitere erstklassige malische Musiker beteiligt waren. In der Zwischenzeit jedoch hatte die islamistische Machtergreifung im Norden Malis 2012 den Sound und das Songwriting verdunkelt, was auch auf dem neuen Album zu hören ist.

Zurück in die Garage. Erwartungsgemäß wollen Eckman und Race improvisieren. Ein paar Beats und Loops haben sie mitgebracht, und sie sind sich noch nicht sicher, ob die diesjährige Dirtmusic texte braucht. Aber Ertel weiß, sie müssen eine Geschichte erzählen. Zeit und Ort fordern es. Sie nehmen schließlich in Istanbul auf, und Eckman kommt gerade aus Slovenien, das seine Südgrenze mit Nato-Draht gesichert hat, und Race aus Australien, wo Flüchtlinge auf unbestimmte Zeit auf abgelegenen Inseln festgehalten werden. Und so beginnt es, eine Geschichte über Grenzen und Mauern, von kalten Fronten und kalten Herzen.
Es ist ein suchendes, ruheloses Album für den Kopf, aber vielleicht noch mehr für den Körper. Ein durchgehendes Grübeln, während Post-Punk, türkischer Psych, Funk Rock und Elektro auf einandertreffen. Da ist zum Beispiel ‚Safety in Numbers’, ein sofortiger Klassiker, der Race in einer gebietenden Rolle zeigt, oder ‚Love is a Foreign Country’, eine Kollaboration mit Gaye Su Akyol, und ein Schmankerl für alle, die ihr Album Hologram Imparatorlugu lieben, eine der herausragenden Glitterbeat-Veröffentlichungen von 2016. Auch Fans von Baba Zula kommen auf ihre Kosten, besonders beim bemerkenswerten Titeltrack, mit dem das Album endet.